Erkenntnisse im Verzicht – Sport in Corona-Zeiten

Pandemie – Lockdown – covid-19 – Reproduktionszahl – die Liste der Fachbegriffe, die wir uns in den vergangenen Monaten zum Thema Corona angeeignet haben könnte noch beliebig erweitert werden. Doch was lernen wir in dieser Zeit über uns?

„Ich habe erstmal nicht viel gemacht. Ein wenig habe ich die Sportpause sogar genossen“. So wie Verica Sait aus dem cleanup-Service der Genter Straße wird es vielen ergangen sein. Höhere Gewalt als Grund sich dem Sport zu entziehen und die Beine hochzulegen – das kann doch auch mal ganz nett sein.

Doch lange hält dieser Zustand nicht an. Der Bewegungsmangel, kombiniert mit weiteren Einschränkungen des alltäglichen Lebens führt zum Umdenken. Ein weiterer Effekt: Plötzlich verringerter Bewegungsumfang bei gleichbleibender Ernährung führt fast überall zur Körpergewichtszunahme. Das schlechte Gewissen klopft an die Tür. Müsste ich mich nicht mal wieder bewegen? In der Sportwissenschaft spricht man in diesem Fall vom Gesundheitsmotiv. Sporttreiben des körperlichen Wohlbefindens wegen.

Es ist also Eigeninitiative gefragt. Wem das durchgehend erlaubte Laufen oder Radfahren nicht zusagt findet im Internet schnell Hilfe. Die Auswahl an Fitnessvideos und -apps ist grenzenlos. Ausreden zählen nicht, denn hier ist für jeden etwas dabei. Auch Nico Reimer, normalerweise in der Fußballgruppe aktiv, stürzt sich motiviert auf die Sportclips. „Klar, Hauptsache Sport habe ich gedacht. Das ging auch eine Weile gut, doch dann merkte ich, dass mir der Sport alleine zuhause weniger Spaß macht“.

Seine Beobachtungen teilen viele Betroffene. Der Kern des Sporttreibens, die aktive Bewegung, ist ein wichtiger, aber nicht der einzige Aspekt. Mit fortschreitenden Kontaktbeschränkungen wird uns bewusst, welche Bedeutung die soziale Interaktion hat. Und das gilt mitnichten nur für klassische Mannschaftssportarten wie Fußball oder Hockey. Auch Tischtennisspieler und Läufer ziehen ihre Motivation aus der Zugehörigkeit ihrer Trainingsgruppen während der aktiven Bewegung. Leistungsvergleich, gegenseitiges Unterstützen und der soziale Austausch spielen hierbei eine wichtige Rolle (Anschlussmotiv).

Die eingeschränkte Bewegungsfreiheit durch die Corona-Pandemie verschafft uns also ein Bewusstsein für die Eigenmotivation unseres persönlichen Lieblingssports. Neben dem Spaß an der Ausübung und dem Streben nach körperlichem Wohlbefinden entdecken wir dieser Tage vor allem die Bedeutsamkeit sozialer Kontakte.

Letztlich ist der Grund sich zu bewegen nachrangig. Die Tatsache, dass wir es tun reicht aus, um die zahlreichen positiven Effekte des Sports auf Psyche und Körper zu spüren.

 

Text: Hendrik Lüttschwager